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E-Book-Cover von „Ich mach’s mir gern selber.“ auf einem Tablet.

Leseprobe

ICH MACH’S MIR GERN SELBER.

Warum ich aufgehört habe, auf die richtige Lösung zu warten.

Christian Alexander Ernst Oliver Wagner · ca. 8 Minuten Lesezeit

DIE MÖRDERMASCHINE

Computer waren damals etwas Besonderes. Ich war ungefähr 15 oder 16 und machte eine Ausbildung zum Schilderhersteller. Das hieß damals noch ziemlich viel Handarbeit. Schilder, Beschriftungen, Fahrzeuge, Fassaden. Pinsel, Farbe, Folien. Vieles wurde tatsächlich noch mit der Hand gemacht. Und dann kamen langsam Computer und Plotter. Plötzlich konnte eine Maschine Buchstaben aus Folie schneiden.

Ich fand das sensationell.

Ich wollte unbedingt wissen, wie das funktioniert. Das Problem war nur: Als Lehrling oder Arbeiter kamst du nicht einfach an den Computer. Das war kein Gerät, an das sich jeder setzte und ein bisschen herumprobierte. Und genau das machte mich wahnsinnig.

Da stand etwas Neues. Etwas, das offensichtlich verändern würde, wie wir arbeiten.

Und ich durfte nicht ran.

Heute öffnest du YouTube, fragst ChatGPT, lädst dir eine Testversion herunter und drei Stunden später hast du zumindest erfolgreich etwas kaputt gemacht. Damals war das anders.

Dann kam ein Ereignis, das mit Computern eigentlich überhaupt nichts zu tun hatte. Nach einer Schildermontage sagte mein Geselle, ich solle noch zusammenräumen und die Leiter am Lieferwagen verstauen. Ich legte beziehungsweise warf die Leiter auf die Ladefläche, drehte mich um – und wurde von einem VW-Bus erwischt. Der Fahrer war stark alkoholisiert. Soweit ich mich erinnere, war er ungefähr 70 km/h schnell. Ich wurde unter das Fahrzeug gezogen und rund 60 Meter mitgeschleift.

Ich könnte an dieser Stelle jetzt irgendeine große Lebensweisheit daraus machen. Dass ich in diesem Moment erkannt hätte, wie kurz das Leben ist. Dass man seine Träume verwirklichen muss. Dass jeder Tag ein Geschenk ist.

Blödsinn.

Ich war angefahren worden. Das war erst einmal genug Erkenntnis für einen Tag.

Später bekam ich Schmerzensgeld beziehungsweise eine Entschädigung. Ich glaube, es waren ungefähr 60.000 Schilling. Für jüngere Leser: Schilling war das Geld, bevor wir beschlossen haben, Preise in Euro kleiner aussehen zu lassen. Und von diesem Geld kaufte ich mir einen Computer. Einen 486 DX2 mit 8 MB RAM. Eine Mördermaschine damals.

Ich hatte nur ein kleines Problem. Ich hatte jetzt einen Computer und keine Ahnung, was ich damit machen sollte. Also lernte ich CorelDRAW selbst.

Ich wechselte später den Job und konnte plötzlich genau das machen, was mich vorher so gereizt hatte: Schilder gestalten und Folien schneiden. Im Nachhinein könnte ich natürlich behaupten, ich hätte schon damals erkannt, dass digitale Gestaltung die Zukunft ist.

Blödsinn.

Ich fand Computer einfach geil. Das reicht als Erklärung völlig.

Irgendwann entdeckte ich Apple. Ich kaufte meinen ersten Mac beziehungsweise mein erstes MacBook. Und dann kam die nächste kleine Überraschung:

Oh Kacke. Da gibt's kein Corel.

Sehr gut, Christian. Erst Computer kaufen, dann schauen, ob die Software drauf läuft. Sauber vorbereitet.

Also lernte ich FreeHand. Irgendwann konnte ich FreeHand richtig gut. Und dann wurde FreeHand eingestellt beziehungsweise verschwand nach der Übernahme durch Adobe. Danke auch.

Also lernte ich wieder etwas Neues. Illustrator, InDesign, Photoshop.

Das Muster war eigentlich immer dasselbe. Etwas verändert sich. Das Werkzeug funktioniert nicht mehr. Also lernst du das nächste.

Dann kam das Internet. Websites waren plötzlich ein Thema. Und ich fand das wieder sensationell. Also lernte ich HTML und baute Websites.

Irgendwann stieß ich auf Mambo, ein Content-Management-System. Und mein Gedanke war ungefähr:

Moment. Damit geht das einfacher?

Aus Mambo beziehungsweise dessen Entwicklung entstand Joomla, und ich spezialisierte mich immer stärker darauf.

Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich darin ein Muster, das ich damals natürlich nicht gesehen habe. Ich habe selten zuerst gefragt: Kann ich das? Ich habe eher gefragt: Warum nicht? Was fehlt? Was brauchst du? Kann man das installieren? Kann man das anders machen? Kann man das selber bauen?

Manchmal löse ich ein Problem und baue mir dabei drei neue. Auch eine Begabung. Aber ich muss nicht zuerst wissen, wie man etwas baut. Ich muss erst einmal wissen: Was will ich eigentlich haben?

Dass mich genau diese Denkweise Jahrzehnte später zu KI, eigenen Tools, Tracking-Systemen und einem ziemlich absurden digitalen Team führen würde, konnte ich damals natürlich nicht wissen. Damals war ich einfach ein Typ mit einem 486er, 8 MB RAM und einer ziemlich ausgeprägten Neigung, Dinge selbst herausfinden zu wollen.

Mann, du Vollpfosten.

Der Vollpfosten kommt übrigens noch öfter vor. Vorher lagen da allerdings noch ungefähr zwölf Jahre Agenturwelt.

KAPITEL 3

EIGENTLICH WAR ULI SCHULD

Wenn ich heute auf das ganze System schaue, das bei monkeys entstanden ist, könnte man glauben, ich hätte irgendwann einen Plan gemacht. So eine schöne Strategie. Phase 1: Prozesse digitalisieren. Phase 2: KI integrieren. Phase 3: virtuelle Mitarbeiter aufbauen. Phase 4: eigenes Agentur-Betriebssystem entwickeln. Klingt super.

War nur nicht so.

Eigentlich war Uli schuld.

Es war im April 2026. Uli – Ulrich – und ich kannten uns schon länger. Wir kamen wieder ins Gespräch und dabei ging es um sein Geschäft. Das Problem war ziemlich einfach: Es kamen zu wenig Anfragen.

Jetzt ist das grundsätzlich nichts Außergewöhnliches. Unternehmen wollen Kunden. Kunden kommen nicht von alleine. Also macht man Werbung. Zumindest sagt sich das so leicht. In der Praxis beginnt dann das große Rätselraten. Website? Google? Facebook? Instagram? SEO? Werbung? Mehr Werbung? Andere Werbung? Oder einfach hoffen, dass irgendjemand anruft?

Ich kam aus Webdesign und Werbung. Also lag der erste Gedanke ziemlich nahe: Wir brauchen eine vernünftige Website. Keine Revolution. Kein KI-Agent. Kein Betriebssystem. Eine Website. Das konnte ich.

Parallel gab es einen Badsanierungsbetrieb. Badsanierung. Und dort passierte etwas, das für mich viel interessanter wurde als die Website selbst. Es kamen Leads. Menschen reagierten auf Werbung. Sie zeigten Interesse. Sie schickten Anfragen. Und damit begann ich, über eine Frage nachzudenken, die eigentlich vollkommen logisch ist und die ich mir trotzdem vorher nie in dieser Form gestellt hatte:

Was ist so eine Anfrage eigentlich wert?

Nicht theoretisch. Nicht irgendein Marketing-Blabla mit: „Steigern Sie nachhaltig Ihre digitale Sichtbarkeit.“ Sondern in Euro. Wenn ich zehn Euro am Tag in Werbung stecke – was kommt hinten raus? Wie viele Anfragen entstehen? Wie viele davon werden Termine? Wie viele werden Kunden? Und was verdient der Betrieb damit?

Das war für mich der Punkt, an dem Werbung plötzlich weniger nach Werbung und mehr nach Mathematik aussah. Und Mathematik hat einen gewaltigen Vorteil: Man kann schlecht mit ihr diskutieren.

Ich begann, diese Dinge mit Claude durchzurechnen. Nicht, weil ich irgendein ausgeklügeltes KI-Konzept hatte. Claude war einfach da. Ich hatte Zahlen. Ich hatte Fragen. Also redete ich mit dem Ding. Wenn ein Kunde X Euro wert ist, wie viel darf dann eine Anfrage kosten? Wie viele Leads brauchen wir ungefähr für einen Auftrag? Wann rechnet sich das? Was passiert bei diesem Budget?

Das war keine Raketenwissenschaft. Aber für mich veränderte es die Perspektive. Denn plötzlich ging es nicht mehr darum, ob eine Anzeige schön war. Oder ob jemand sagte: „Das schaut professionell aus.“

Die Frage war:

Funktioniert das?

Und sobald du diese Frage stellst, bekommst du leider meistens neue Fragen geschenkt. Denn ein Klick ist noch kein Lead. Ein Lead ist noch kein Termin. Ein Termin ist noch kein Auftrag. Und ein Auftrag ist noch lange kein guter Auftrag.

Also musste zwischen Werbung und Kunde irgendetwas passieren. Eine normale Landingpage mit: „Herzlich willkommen bei der Firma sowieso. Seit 1987 sind wir Ihr kompetenter Partner für Qualität und Zuverlässigkeit …“ würde es vermutlich nicht richten. Wir brauchten etwas anderes. Etwas, das Interessenten nicht einfach nur auf eine Website schickt. Sondern sie Schritt für Schritt weiterführt. Fragen stellt. Vorqualifiziert. Und erst dann Kontaktdaten abfragt.

Ein Funnel.

Heute kann ich „Funnel“ sagen und weiß, was damit gemeint ist. Damals war das für mich einfach: Da klickt einer drauf, beantwortet ein paar Fragen und am Ende wissen wir mehr als nur seinen Namen.

Das ist übrigens ein Prinzip, das sich durch meine gesamte technische Karriere zieht. Ich muss nicht immer wissen, wie etwas fachlich korrekt heißt. Ich muss verstehen, was es tun soll. Der Rest läuft sich von selbst ab. Für ein weiteres Projekt entstand so eine Landingpage. Und damit kam das nächste Problem.

Natürlich.

Denn jetzt konnten wir Leads erzeugen. Super. Und wohin damit? E-Mail? Excel? Irgendeine Liste? Das funktioniert, solange es drei sind. Bei zehn wird es unübersichtlich. Bei zwanzig beginnt irgendjemand zu fragen: „Haben wir den schon angerufen?“ „Keine Ahnung.“ „Wer kümmert sich darum?“ „Ich dachte, du.“ „Nein, ich dachte, du.“

Perfekt.

Digitalisierung erfolgreich abgeschlossen.

Also brauchten wir eine Datenbank. Nur für Leads. Zumindest war das am Anfang die Idee. Ein Ort, an dem die Anfragen landen. Name. Kontaktdaten. Antworten aus dem Funnel. Status. Damit man sieht: Neu. Kontaktiert. Angebot. Gewonnen. Oder eben nicht gewonnen.

Und weil eine Datenbank allein ungefähr so sexy ist wie eine Steuererklärung, brauchten wir natürlich eine Oberfläche dazu. Ein Dashboard.

Jetzt muss man an dieser Stelle etwas über mich wissen. Ich bin kein Programmierer. Ich kann bis heute nicht behaupten, dass ich mich hinsetze und aus dem Kopf irgendeine Anwendung programmiere. Wenn du mir einen leeren Editor hinstellst und sagst: „Christian, bau ein CRM“, sage ich: „Sicher. Hol bitte jemanden, der das kann.“ Aber wenn du mich fragst: „Wie müsste das funktionieren, damit du damit arbeiten kannst?“ dann kann ich dir das ziemlich genau sagen.

Und genau das begann ich mit KI zu machen. Nicht programmieren. Mich in die Lösung hineindenken. Ich wusste, was ich sehen wollte. Ich wusste, was mich störte. Ich wusste, welcher Schritt fehlte. Und wenn etwas funktionierte, kam meistens sofort: „Gut. Aber jetzt müsste man eigentlich noch …“

Das ist ein gefährlicher Satz.

Sehr gefährlich.

Aus der Lead-Datenbank wurde ein Dashboard. Dann brauchten Benutzer einen Login. Dann sollte man Leads verschieben können. Also Kanban. Dann Kommentare. Wiedervorlagen. Status. Tracking. Plötzlich war das Ding nicht mehr einfach nur: Hier sind deine Anfragen. Es begann, Teile eines CRM zu übernehmen. Nicht weil ich beschlossen hatte, ein CRM zu entwickeln. Sondern weil jedes gelöste Problem das nächste sichtbar machte.

Genau deshalb wuchs das Ding Stück für Stück statt nach Plan. Ich saß nie mit einem 80-seitigen Konzept da und dachte: Jetzt bauen wir Software.

Dann:

Das auch.

Dann:

Das wäre eigentlich praktisch.

Und irgendwann:

Scheiße. Jetzt haben wir Software gebaut.

Auslassung

So läuft das bei mir offenbar. Du willst eine Website bauen. Ein paar Monate später hast du virtuelle Mitarbeiter und ein Betriebssystem für deine Agentur. Vollkommen normale Entwicklung.

Ende der Leseprobe

UND DAS WAR ERST DER ANFANG.

Wie aus einer Website ein Agency OS mit virtuellen Mitarbeitern wurde, steht im Buch.

ICH MACH’S MIR GERN SELBER.

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